Anthologie Ignis Lucidus von Carpathia
Carpathia „Ignis Lucidus“: Urban Fantasy & Dark Fantasy zum Thema Feuer mit Okularisten, Glasaugen, Raunächten, Recherche und Einreichung bis zur Leipziger Buchmesse 2026.
Melisande D. Menze
3/11/20267 min read


Anthologie Ignis Lucidus von Carpathia
Die Signatur des Feuers, Handwerk, Ideen und Hindernisse.
Ausschreibung & Verlag
Schon im letzten Jahr hat Carpathia mit „Aqua obscura“ eine Anthologie veröffentlicht, die sich dem Element Wasser widmete: Urban Fantasy mit vielen unterschiedlichen Stimmen und in jedem Fall ein klarer Themenfokus.
Dieses Jahr ging es bei der Ausschreibung „Ignis Lucidus“ um das Element Feuer. Gesucht wurden Urban- oder Dark-Fantasy-Kurzgeschichten, in denen Feuer eine zentrale Rolle spielt.
Soweit so gut.
Aber worüber schreibt man, sodass es nicht nur irgendeine Geschichte wird, sondern auch zum Verlag passt?
Der Goldstaub unter den Feuerthemen
Phönixe, Drachen, Höllenfeuer, ein apokalyptischer Brand oder die Hexenverfolgung? Ich denke, wir sind uns einig, dass das arg nach Klischee klingt. Abgesehen von meinen persönlichen Vorlieben ging es vor allem um Carpathias Stilwunsch: Urban bzw. Dark Fantasy und das skurril, absurd und mit vielleicht auch noch mit Horror-Anleihen.
Spoiler: Das hat mich besonders gefordert.
Aber zurück zum Thema: Meine Story sollte für Urban Fantasy funktionieren, aussagekräftig und mitreißend sein, aber klein genug, um zehn Normseiten zu füllen. Da ich zu der Zeit noch in der Welt von „Die Hexen von Exmoor“ war – das erste Buch in dieser Welt erscheint im Mai –, kam mir die Walpurgisnacht in den Sinn. Keine Option.
Silvester nahte und mit ihr die Petition zum Böllerverbot und der damit verbundenen Pyrotechnik. War das besonders genug? Nein.
Vielleicht doch ein mittelalterliches Setting mit einem Feuerspucker? Auch nicht.
Da ich mich gern mit Handwerk beschäftige, lag es nahe, dieser Spur zu folgen.
Was gibt es hier?
Sofort dachte ich an riesige Brennöfen, in meinem Ausbildungsbetrieb wurden thermischen Textilien hergestellt und diese Bilder kamen mir sofort in den Sinn. Aber wollte ich über geschmolzenes Metall in Zeiten von Krieg schreiben? Nein … Feuer hat zwar eine Konsequenz – wir alle wissen: Wer eine heiße Platte anpackt, verbrennt sich –, aber diesem Thema wollte ich nicht folgen.
Doch dann kamen mir die Glashütten in Petershagen in den Sinn. Hier gibt es nicht nur Führungen, sondern auch Ausstellungen. Das spitzhutartige Gebäude ist sehr einprägsam, genauso wie die roten Ziegel. Glas und Ziegel sind ein schöner Kontrast, da beide gebrannt werden. Aber was kann man damit machen?
Eine gläserne Spur
Was kann man aus Glas machen, das über „schöne Kunst“ hinausgeht?
Ich bin kurz bei klassischen Dingen hängen geblieben: Kunsthandwerk, Brennöfen, Glasbläserei, vielleicht eine Manufaktur? Aber das war mir noch zu „schlicht“. In meiner Jugend habe ich Glastüren designt und später kleine selbst entworfene Objekte von einem hiesigen Glasbläser anfertigen lassen. Ich finde das Handwerk, die Nähe zum Feuer und die Mischung aus zerstörerisch, glühendem Glas und zerbrechlichen Glasobjekten faszinierend.
Damit stand fest: Es sollte Glas sein, aber keine in Flaschen abgefüllten Träume oder Dschinns. Keine Tränke und auch keine Spiegel. Bei meiner Recherche stieß ich auf den Okularisten. Seine Kunst ist ebenso faszinierend wie verstörend.
Verstörend?
Da sind wir wieder beim zuvor erwähnten Stilwunsch von Carpathia: Urban bzw. Dark Fantasy, skurril, absurd und mit Horror-Anleihen. Ich ahnte zu dem Zeitpunkt schon, dass das herausfordernd wird, denn am wohlsten fühle ich mich in der Cozy Urban Fantasy.
Der Okularist – Handwerk
Um dieses Handwerk so nah wie möglich zu erleben, habe ich mich quer durch das Internet gelesen. Sehr geholfen hat mir dabei diese SWR/ARD-Handwerkskunst-Folge (siehe hier). In dieser Dokumentation wird sehr konkret gezeigt, wie so ein Glasauge entsteht. Das ist eine Sache, die ich am Schreiben liebe: die Begründung, sich in unterschiedlichste Themen einzuarbeiten.
Ein Okularist arbeitet mit Kryolithglas (auch Opalglas genannt), einem hochwertigen, milchig-weißen Spezialglas. Es enthält seltene Mineralien aus Grönland, die Eisstein genannt werden. Der Begriff „Eisstein“ leitet sich vom griechischen kryos (Frost/Eis) und lithos (Stein) ab, da das Mineral im Wasser fast unsichtbar wird. In meiner Kurzgeschichte wird es als Eisglas bezeichnet.
Für die Iris gibt es Glasmischungen, die von Meister zu Schüler weitergegeben werden und eine Vielzahl natürlicher Färbungen beinhalten. Hier in Deutschland sind es oft Blautöne, selten Grau- oder Grüntöne, und immer häufiger werden auch Brauntöne benötigt.
In vielen Arbeitsschritten entsteht eine Glasprothese, die nicht nur eine täuschend echte Iris enthält, sondern sogar vom Augenmuskel bewegt werden kann – wenn auch nicht so wie ein echtes Auge –, weil sie nicht rund ist, sondern eher schalenförmig.
In dem Bericht wird erzählt, dass viele Kunden zu Tränen gerührt sind, wenn ihr Gesicht wieder vollständig aussieht. Dieser Moment hat mich berührt und ich wollte ihn unbedingt einbauen.
Die Magie der Glasaugen
An diesem Punkt kamen die vielen „Was wäre, wenn …?“-Fragen, und so entstand die Idee zur Geschichte: „Der Bund des Okularisten“.
Aber worum geht es dort?
Der Bund des Okularisten
In einer Bremer Glaswerkstatt erschafft ein Okularist besondere Glasaugen. Einen Auftrag kann er nicht umsetzen. Zwischen Handwerk und verzehrenden Flammen muss er seine eigenen Regeln brechen.
Die erste Magie hatte sich hier für mich schon erfüllt: Eine Stadt gebaut aus Backsteinziegeln, eine Glaswerkstatt an den Docks, und überall findet man Skulpturen. Ob geschmolzen oder gebrannt – sie vereint die gleiche Berührung: die Signatur des Feuers. Ist das nicht allein schon magisch?
Doch dabei bleibt es natürlich nicht, denn die wahre Magie liegt in der Kombination aus dem Bund, dem Handwerk und dem Feuer … sowie dessen eigensinniger Art.
Früher waren Glasaugen rund, nicht schalenförmig und dabei bin ich geblieben, denn irgendwo muss die Magie stecken, nicht wahr?
Wen faszinieren Flammen nicht? Wer hat noch nicht in eine Kerzenflamme gestarrt und sich darin verloren?
Vielleicht liegt es auch daran, dass Feuer für uns einerseits Wohlstand symbolisiert (man konnte Fleisch garen und sich warm halten) und Sicherheit (Schutz vor Wildtieren), aber auch Gefahr – denn wer es berührt, verbrennt sich. Deswegen haben Flammen auch ihre Kosten, so auch in der Kurzgeschichte. Denn was gibt man dafür, dass man wieder sehen kann?
Der Dezember und seine Rituale
Da man zwei Geschichten einreichen durfte, habe ich diese Chance genutzt. Beide Geschichten sind im Dezember entstanden, und ja: Ich zelebriere die Raunächte selbst. Das war aber genau der Punkt, an dem ich vorsichtig werden musste. Ihr seht: Hier kommen wir den „Hexen von Exmoor“ sehr nahe, aber dorthin durfte es nicht abdriften. Nein, meine Hexengeschichten bleiben Cozy. Für Carpathia musste ein anderer Vibe her.
Die Raunächte sind inzwischen zu einer Art Modeerscheinung geworden, werden auf Instagram für Content genutzt und auf Pinterest mit Ästhetik präsentiert, die mir persönlich zu oberflächlich ist. Diese Zeit ist in meinen Augen etwas für mich ganz Persönliches, da gehört kein Social Media rein und genau diese einsame Magie wollte ich in meiner Geschichte haben. Eine Magie, die viel persönlicher ist und damit viel intimer als ein Trend.
Im letzten Jahr habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Was passiert, wenn man etwas einfach nicht loslassen kann? Wenn man meditiert, es aufschreibt, sich ausspricht und doch bleibt das, was gehen soll, wie ein schlechtes Tattoo?
Ich wollte also nicht die Raunächte erklären, sondern sie als Mittel nutzen, um dem Bedürfnis nach innerer Heilung Raum zu geben.
Meine zweite Story heißt: „Die dreizehnte Nacht“
Hier ist das Feuer ein verzehrender Partner in Form einer Kerzenflamme, die – wie man es in den Raunächten tut – mit jedem Tag einen Monat behandelt.
Die dreizehnte Nacht
In den Raunächten versucht Olivia, Tag für Tag den Ballast im Kerzenfeuer loszulassen. Doch eine zusätzliche Kerze taucht auf, mit einer Anweisung, die alles verändern kann. Ein Name wird zur Grenze zwischen Befreiung und Verlust.
Die Geschichte ist nicht ganz ohne, da hier ein Missbrauchsfall thematisiert wird, der mir im Berufsleben schon mehr als einmal untergekommen ist. Das muss kein sexueller Übergriff sein, sondern kann auch „nur“ ein Machtmissbrauch aufgrund einer höheren Position beinhalten. Das Schlimme dabei ist jedes Mal die Angst davor, dies auszusprechen und anzugehen, sowie die fehlende Unterstützung von Kollegen und letztlich die Tatsache, dass die Täter oft davonkommen und es immer wieder tun. Man wird belächelt und das ist schrecklich.
Dieses Thema habe ich versucht, in „Die dreizehnte Nacht“ aufzunehmen. Rückblickend war das vielleicht zu krass.
Ende Februar: Absage & Zusage und eine E-Mail mit Plot-Twist
Ende Februar kam dann die Rückmeldung. Für einen Moment zog sich mein Magen zusammen, ich hielt die Luft an und starrte die E-Mail-Vorschau an, denn darin stand das Wort: Leider.
Leider ist nie gut, und ich brauchte einen Atemzug, bis ich mich dazu überwinden konnte, die Mail zu öffnen.
„Die dreizehnte Nacht“ wurde nicht angenommen, sehr wohl aber „Der Bund des Okularisten“! Puh!
Da schlug mein Herz schneller, und ich grinste breit. Ich hatte es geschafft!
Aber der E-Mail-Anfang bis zur Mitte war ein echter Mini-Plot-Twist.
Danach ging es zügig weiter: Vertrag, Lektorat, Abgabe und die Rückmeldung „Wir sind im Druck!“. Das Team von Carpathia hat dafür ihren Schlaf geopfert und es tatsächlich geschafft die Anthologie „Ignis Lucius“ zur Leipziger Buchmesse 2026 zu veröffentlichen.
Ignis lucidus: Nicht jedes Feuer bringt Licht ins Dunkel
Manchmal genügt ein Funke, um eine ganze Welt in Brand zu setzen – zumindest literarisch. Genau um diesen Funken geht es in der Fantasy-Anthologie „Ignis lucidus“ aus dem Berliner Carpathia Verlag.
Der Band versammelt eine Reihe von Kurzgeschichten aus den Bereichen Urban Fantasy und Dark Fantasy, die sich alle um ein zentrales Element drehen: Feuer. Dabei zeigt sich schnell, wie vielseitig dieses Motiv sein kann. Feuer spendet Wärme, bringt Licht in die Dunkelheit – aber es kann ebenso zerstören, verschlingen und Angst verbreiten. Diese Gegensätze machen es zu einem idealen erzählerischen Motor.
Die Geschichten in Ignis lucidus sind unabhängig voneinander, aber thematisch miteinander verbunden. Jede Autorin und jeder Autor interpretiert das Element Feuer auf eigene Weise:
als magische Kraft,
als Bedrohung,
als Symbol für Veränderung,
oder als dunkles Geheimnis, das unter der Oberfläche glimmt.
Für wen ist das Buch?
Ignis lucidus richtet sich besonders an Leserinnen und Leser, die
Urban- oder Dark-Fantasy mögen
Kurzgeschichten schätzen
ungewöhnliche Interpretationen klassischer Motive suchen
und Freude an phantastischen Geschichten mit düsterem Einschlag haben.
Wer ist mit dabei?
Ein besonderer Reiz von „Ignis lucidus“ liegt in der Vielfalt der Stimmen. Der Band versammelt Beiträge von Adrian van Schwamen, Anke Elsner, Camilla Grüner, Carolin Hattendorf, Catrina Seiler, Eva Brune, Felix M. Hummel, Felix Theodor, Florian Waldner, Franziska Hesse, Friederieke Butzheinen, Gianna Bernstein, Jelena Moesus, Josephine R. Green, Juna Bendix, Kerstin Fläschel, Lyakon, Marilena Westermann, Maya Malou, Philip Krömer, Sabine Frambach, Susanne Horn, Tamara Breite, Thomas Melerowicz, Tobias Derkits, Tobias Lagemann und von mir.
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Viel Spaß beim Lesen!
Glasaugen und Co.
Fiktive Bilder über das Handwerk des Okularisten





